Pussy Riot: Chaika (Müsste eigentlich Чайка heißen)

Es scheint mir, als käme ich nicht umhin, das neue Video von Pussy Riot zu besprechen, denn einerseits liegt mir die russische Popkultur am Herzen und andererseits fand das Video Eingang in die deutschen, sich selbst so nennenden „Qualitätsmedien“, und, wie die so sind, kommt es sofort zu massenhafter Verbreitung, weil alle voneinander abschreiben. Copy/Paste ist nämlich die neue deutsche Idee von journalistischer Qualität. Also muss man sich mit massenhaft Verbreitetem ganz unabhängig von der tatsächlichen Güte auseinandersetzen. Ich tue es ungern, denn ich halte Pussy Riot aus gutem Grund für eine marginale Randerscheinung in der russischen Popkultur.

Pussy Riot haben sich verkleinert. Pussy Riot existiert daher nicht mehr im Plural, denn es gibt nur noch Nadeschda Andrejewna Tolokonnikowa. Durch alle Berichte des deutschen Mainstreams hindurch wird sie als große Widerstandskämpferin und Feministin gefeiert.

Ein so einhelliger Gleichklang von Bild über Spiegel bis hin zum öffentlich-rechtlichen Auslandssender Deutsche Welle erregt eigentlich schon genug Misstrauen, um genauer hinzuschauen.

Generell berichten deutsche Medien faktisch nicht über die Erzeugnisse des russischen Pop, obwohl es eine unglaubliche Vielfalt gibt. Sie entspannt sich von seichter Unterhaltung bis hin zu durch und durch queeren und fundamental gesellschaftskritischen Werken. In Deutschland völlig unbekannt, versuche ich mit meinem Blog genau diese Vielfalt zugänglich zu machen.

In ihrem Video bezieht sich Pussy Riot auf einen Film von Aleksej Navalny, indem eine korrupte Struktur innerhalb der russischen Gesellschaft offengelegt wird. Das kann man sich auch ohne viel russische Sprachkenntnisse anschauen, jemand der regelmäßig „Report“ oder „Panorama“ sieht, findet unmittelbar Zugang.

Pussy Riot bezieht sich in Text und Video auf diesen Film und stellt ästhetisch einen Bezug zum Präsidenten der Russischen Föderation her, der im Film allerdings so nicht vorkommt. Kann man machen, die Kunst ist ja frei. In Russland freilich mehr als hier.

In Russland gibt es zwar keine Todesstrafe und auch keine Foltergefängnisse wie Guantanamo, aber das kann man natürlich trotzdem suggerieren, wie es Pussy Riot hier tut. Pussy Riot lässt kein negatives westliches Klischee über Russland aus, um es nicht noch in ihrem Video zu verbraten.

Es liegt daher der Verdacht nahe, dass es sich hier um eine Produktion für ein überwiegend westliches Publikum handelt, das seine Vorurteile über Russland bestätigt sehen möchte.

Um es mal auf deutsche Verhältnisse runter zu brechen, was Pussy Riot hier tut, sei mir folgendes Bild erlaubt.

Ein Musiker, er möge C-Rebell-um heißen, nimmt sich den Vorgängen um den Berliner Flughafen an. Diese Vorgänge sind wohl recherchiert und gut dokumentiert, allein eine restlose Aufklärung der dahinter liegenden Verflechtungen gibt es noch nicht bis in die Tiefe, und es wird sie vermutlich auch nie geben. Doch es ist ganz Deutschland klar, der Berliner Flughafen ist das in Beton gegossene Symbol deutscher Korruption; ein System aus Freundschaften, Arroganz und der unguten Verflechtung von Politik und Wirtschaft.

Der Künstler verknüpft das musikalisch in einem Videoclip mit der Figur der Kanzlerin, lässt ein paar Nazi-Verbände auf und ab marschieren, und, wir nehmen das jetzt einfach mal an, C-Rebell-um räkelt sich lasziv vor einem Bild der Kanzlerin; nur so der Wirkung halber, natürlich nicht aus echt gefühlter Erregung. Es würde, gäbe man so etwas mittels Schweigen nicht dem Orkus des Vergessens anheim, von allen Seiten Kritik hageln, denn es ist in der Ästhetik einfach billig.
„Merkel ist an allem schuld.“ Das wäre die Aussage und es wäre wirklich verkürzte Kritik. Aber genau das ist im Hinblick auf Russland die Kritik von Pussy Riot: „Putin war’s.“ Wie plump. Und der deutsche Journalismus verteilt die Idiotie innerhalb seiner Grenzen. 

Es gibt Korruption, in Deutschland wie in Russland, doch so einfältig wie von Pussy Riot suggeriert funktioniert sie nicht. Und so leicht auszumerzen ist sie ebenfalls nicht. Wir haben, das sei hier angemerkt, zahlreiche ganz zweifelhafte Personen in hohen Funktionen.  Einen höchst zweifelhaften Finanzminister beispielsweise, der gerade Europa den Todesstoß versetzt hat, und kaum jemand hierzulande stört sich an dessen diversen Freundschaftsdiensten.  

Das Werk von Pussy Riot wird von russischer Seite wohl eher dem Vergessen überlassen, zumal es sich musikalisch und inhaltlich um eine Kopie handelt.

Aber lassen wir uns dennoch ein wenig weiter spekulieren. Was wäre, würde das vielleicht nicht ganz so hochwertig produzierte Video von C-Rebell-um von ausländischen, sagen wir russischen Medien ausgiebig rezipiert, würde dort hochgelobt und als der zentrale Moment des Widerstandes des deutschen Volkes gegen das grausame System Merkel gefeiert, während es hierzulande keine Chart-Platzierung erreichen könnte?

Und genau jetzt sind wir am eigentlichen Punkt angelangt. Denn spätestens dann würde die deutsche Presse und Politik toben. Und ehrlich gesagt auch zu recht. Denn international gilt das Prinzip der Nichteinmischung, gegen den sowohl die deutsche Politik als auch der deutsche Journalismus in ihrer Allmachtsucht täglich vehement verstoßen. Deutscher Journalismus versucht, in Russland Politik zu machen. Deutsche Politik sowieso. Wie würden wir so etwas in der Umkehrung hier empfinden?

Spätestens dann, würde vom Propaganda-Feldzug der Russen gesprochen. Genau das ist es, was unsere Journalisten tun. Es ist ein Propaganda-Feldzug mit einer widerwärtig dümmlichen Rhetorik, die allein durch Wiederholung versucht, eine Wahrheit zu erschaffen, die es so nicht gibt. 

Doch genau das ist es, was die deutschen “Qualitätsmedien” per Copy/Paste jetzt mit dem Clip von der in Russland völlig unbedeutenden Pussy Riot machen. Sie schreiben eine Clip hoch, der in Russland niemanden interessiert. Nicht mal der Titel bei youtube ist in kyrillisch. Alles ist ausschließlich für den westlichen Markt gemacht.

Die Orgie der Lust an schlechter Musik und mäßigen Bildern der deutschen Medien wirft daher ein Licht auf den Zustand des deutschen Journalismus. Wenn es der Propaganda dient, dann nehmen sie einfach alles. Eine seriöse Auseinandersetzung mit beispielsweise russischer Popkultur führt der Mainstream nicht. Zu komplex. Zu vielschichtig, nicht vermittelbar, mögen die Argumente sein. Davor muss der Leser in Schutz genommen werden. Daher bitte nur platte Botschaften. Pussy Riot bedient genau das. Doch der Leser ist im Geist weiter. 

16 Gedanken zu „Pussy Riot: Chaika (Müsste eigentlich Чайка heißen)

  1. Walter

    Und nicht zu vergessen, was die dt. Qualitätspresse über diese Gruppe (die sich ja auch mal KRIEG nannte) eben genau nicht schreibt.

    Wer erinnert sich nicht an die gefilmte Orgie der schwangeren Tolokonnikowa im Biologie Museum. Oder an den herausragenden politischen Protest wo sich T. im Supermarkt ein Tiefkühlhuhn vaginal einführt und damit zwischen den Beinen aus dem Supermarkt gockelt.

    Von Graffiti Penis Schmiererreien auf St. Petersburger Brücken habe ich in der dt. Qualitätspresse auch nichts gelesen.

    Ja so ist sie eben. Statt Völkerverständigung und ein gesundes Miteinander mit Russland in Europe ist alles auf schädliche Volksverhetzung ausgerichtet.

    Antwort
    1. Thomas

      Das mit dem Huhn war meines Wissens nicht Tolokonnikowa, sondern ein anderes weibliches Mitglied der höchst zweifelhaften Provo-Truppe „Woina“ (Krieg). Die übrigens nicht identisch mit den Pussy Riots ist. Aber das Bindeglied war tatsächlich Tolokonnikowa, die sowohl Woina als auch Pussy Riots war (ist?).

      Aber hier kommt den Schreiberlingen der im Westen ziemlich weit gefaßte „Kunst“-Begriff zugute. Jeder kennt ja den Spruch: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Und gerade gestern las ich von einer aktuellen Begebenheit, wo eine Putzfrau eine „Installation“ zerstört hat. Sprich, sie hatte begonnen, den Müll wegzuräumen, den eine „Künstlerin“ fein säuberlich aufgebaut hatte.

      Und mit dem Kunstargument wird dann eben auch politischer Schindluder getrieben. „Woina“ etwa wird auf der deutschen Wikipedia als „Künstlerkollektiv“ bezeichnet. Und die Frage ist durchaus berechtigt, worin denn nun bei dem erwähnten Gangbang im Museum oder der Suppenhuhn-Nummer die „Kunst“ bestehen soll. Aber ebenso gilt es als „Kunst“, wenn ein geistig ziemlich verwirrtes Subjekt in Moskau „aus Protest“ seine Hoden öffentlich aufs Pflaster festnagelt oder Monate später einen Brandanschlag auf die Tür des FSB-Gebäudes verübt. Zumindest in unseren Medien – und so lange all dies bitte hübsch in Russland passiert und nicht etwa in Berlin.

      http://www.wochenblatt.de/nachrichten/welt/Kuenstler-setzt-Tuer-zum-russischen-Geheimdienst-in-Brand;art29,335434

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  2. Eckhard Kocker

    Pussy Riot ist nach meiner Ansicht, bzw. soweit ich weis eine CIA gesteuerte Gruppe gewesen. Es ist eine merkwürdige Sache weil die Produktionen für den Westen bestimmt waren. Der Westen war bei jedem Auftritt aktuell dabei. Sollten die Menschen im Westen damit aufgepuscht werden? Könnte sein, denn Putin ist ein Verhinderer der USA Ambitionen hinsichtlich der Ausbeutung Russland. Es regt sich keiner auf das Merkel jahrzehnte Kanzlerin (die US-Puppe) spielen darf. Pussy Riot ist eine ekelhafte perverse sexistische Gruppe gewesen. Das entlarvt den Westen, denn sollte eine russisch gesponserte Punkformation derart widerliches Zeug produzieren, wäre das Geschrei und auch die Justiz groß. Man muss gegen Russland hier keine Beweise antreten hauptsache die Unterstellungen verbreiten sich ungeprüft in den Köpfen der Junge Union Schreiberlinge. Pussy Riot wird hier merkwürdigerweise hofiert von den westlichen Sexjägern.

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    1. alexandrabader

      Unterstützung durch Amnesty (Soros-finanziert) und das National Endowment for Democracy machen das eh klar…. Ich erinnere mich, dass eine Journalistin, die im Sommer 2012 (beim Standard) PR hymnisch loben musste, später dann bei einer Veranstaltung mir als Kritikerin recht gab; sie wand sich aber auch, als es um Femmen ging. die ebenso eine „Front Group“ sind.

      Ich gehe darauf auch hier ein, weil „feministisches“ Schweigen nach Köln ebenfalls gut ins Muster passt:
      Nach Köln: Hat der Feminismus versagt?
      https://alexandrabader.wordpress.com/2016/01/12/nach-koeln-hat-der-feminismus-versagt/

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  3. Pingback: Freitag, den 05. Februar 2016 | Kulturnews

  4. jeanny forester

    Pussy Riot in Gestalt der mit Tiefkühlhühnern masturbierenden T. ist Ausdruck der westlichen Unkultur. Dass die Systemmedien solche geistigen und musikalischen Tiefflieger hochhypen – ist Methode, denn man feiert sich selbst in aller Dämlichkeit. Deswegen – ab in den Orkus der Geschichte.

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  5. olegbolek

    geiles Video.
    Schade, dass das Putinsche Russland sich gen Westen abschottet.
    Wäre das nicht schön:
    Russland in der EU (und in der NATO)?
    Alle Probleme wären dahin.
    Mit der jetzigen
    Führung reicht es ja nur zu Assad oder Kim.

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    1. F-l-o-H

      @olegbolek
      und China, Indien, Brasilien und …..
      da sind wir schon bei über der Hälfte der Weltbevölkerung.
      Mathe eine glatte sechs, setzen! Gleich neben den Anton mt seinem tollen Deutsch.

      Antwort
  6. Anton

    Olegbolek: Du hast völlig recht! Im Gegensatz zu den obigen Trollen, die nicht mal richtig Deutsch könnten. Armed Russland.

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  8. Tobias Schrabe

    Nett, das Video. Ich finde Staats-, Regierungs- und vor allem Militärkritisches immer gut. Dass die Gute tatsächlich für die Westöffentlichkeit produziert, sagt einiges. Auch über ihre im Liedtext sehr betonte Russlandliebe.

    Ich fand schon etwas peinlich, als die beiden Rest-Pussy-Riot im Westen herumgereicht wurden wie ein kultureller Siegerpokal. Allerdings habe ich sie für den Westen bisher nie singen gehört.

    Biermann machte im Westen nonstop weiter.

    Ich hatte meine Verwunderung damals damit kompensiert, dass ich einen ihrer Liedtexte ins Deutsche übersetzte und bei sz.de unter einen der Pussy-Riot-Lobes-Artikel als Kommentar setzte. Kunst atmet und lebt durch Widersprüche.🙂

    Nicht dieser eine, aber viele, viele ähnliche zu dissoziativen Störungen führenden Kommentare haben dann wohl die SZ-Redaktion irgendwann entschließen lassen, die Artikelkommentare ganz zu entfernen.

    Das sagt um so viel mehr als ein Musikvideo. Da werd‘ ich schon wieder ganz traurig.

    Antwort
  9. Pingback: International Pussy Riot-Aktivistin veröffentlicht neues Musikvideo – Eine Kunstkritik | Grüsst mir die Sonne…

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