Fin de siècle 29

Ich wurde ausgiebig informiert. Über Kunstmarkt, Kunstszene und die Welt der Kunst. Kunst, das hatte ich ganz schnell verstanden, war nur dann Kunst, wenn sie sich verkaufen ließ. Alles andere war Mist oder eben einfach keine Kunst. Ich fühlte, wie sich in mir Widerstand regte. Wenn man Märkten etwas überlässt, die jüngste Vergangenheit hatte das in mehrfacher Hinsicht deutlich bewiesen, so kommt in der Regel ziemlicher Unsinn, Chaos und nichts als großer Zusammenbruch dabei raus, der nahezu alle Beteiligten vor allem aber auch die Unbeteiligten ins Unglück stürzt und einen ganz kleinen Rest zu immensem, kaum verdaubaren Reichtum führt. Warum dieser Mechanismus nun ausgerechnet im Hinblick auf Kunst etwas anderes produzieren sollte als Übertreibungen und krisenhafte Blasen, war mir in keiner Weise schlüssig. Meine beiden Gesprächspartner konnten meine Meinung nicht nur nicht teilen, sie hatten keine Ahnung wovon ich sprach. Den Kunstmarkt hätte es schon immer gegeben und würde es immer geben, das ginge gar nicht anders. Wie sollten Künstler und Kunstkäufer denn sonst zusammen kommen?
„Dass es Künstler und Kunstkäufer gibt und man dafür einen Markt braucht, ist doch ein recht junges Phänomen“, meinte ich, wofür ich fragende Blicke erntete.
Es hätte was mit einem Ich zu tun, das sich gewandelt hätte, philosophierte ich vor mich hin. „Ideengeschichtlich ist das ziemlich neu. Das gibt es erst seit der Renaissance.“
Ich wurde heftig ausgelacht, die beiden kriegten sich gar nicht mehr ein vor Lachen, und ich fühlte mich ausgesprochen doof, obwohl ich nicht verstand, was ich Lächerliches von mir gegeben hatte.
„Etwas, das fünfhundert Jahre alt ist, ist doch nicht neu!“
Ich überlegte, ob ich mich auf eine Diskussion über das Wort „neu“ einlassen sollte, entschied mich aber dagegen, da sie das Ziel verfehlt hätte. Ziel war ja nicht, festzuhalten, dass eine Idee, die fünfhundert Jahre auf dem Buckel hatte, in der Geschichte der Menschheit, die mehrere zehntausend Jahre auf dem Buckel hatte, schon noch als recht neu gelten konnte. Ziel war vielmehr festzustellen, das etwas, das entstanden ist, auch wieder vergeht. Um es mal ganz bildungsbürgerlich mit Faust beziehungsweise Mephisto zu sagen: Denn alles was entsteht, ist Wert, dass es zu Grunde geht. Auch die Idee des Künstlers und des Kunstmarktes. Wenn man freilich die Vorstellung hat, fünfhundert Jahre wären „immer“, dann hat man für geschichtliches Werden und Vergehen freilich kein Gespür. Mir allerdings ist eine Ewigkeit, die lediglich fünfhundert Jahre dauert, viel zu kurz.
Den beiden Kunstexperten war das alles viel zu theoretisch. Sie drängten auf einen Themenwechsel. Werke der Kunst sollten gezeigt werden, freilich die eigenen. Ibrahim zog seinen Tablet-Rechner aus der Tasche, um mir einen Einblick in sein Werk zu verschaffen. Sebastian war noch immer nicht zurück von seiner Schlüsselsuche. Ich hoffte inständig, er würde gleich kommen.

Fin de siècle 28

Die Vorstellungsrunde wurde eingeleitet. Der Anhänger der Operation Desert Storm stellte sich als John Finn vor. Der mit der Sonnenbrille hieß Ibrahim Alexander. Es wurde vorausgesetzt, dass ich beide Namen, mindestens aber den von Ibrahim Alexander schon gehört hätte, was nicht der Fall war. Ausdruck des Erstaunens. Ich wurde aufgeklärt. Bei Ibrahim Alexander handelte es sich um einen bedeutenden Künstler, der gerade auf dem Weg nach ganz ganz oben war. John Finn war sein Galerist, der von diesem Weg nach ganz ganz oben finanziell ganz ganz toll zu profitieren gedachte. Zwar habe ich ein Faible für zeitgenössische Kunst, aber weder Ibrahim Alexander noch der Name von John Finns Galerie sagten mir etwas. Das konnte freilich nichts damit zu tun haben, dass die beiden ihre Bedeutung überschätzten, sondern ausschließlich damit, dass ich es versäumt hatte, mich auf dem Laufenden zu halten. So schlicht ist die Welt.
Ibrahim sah seine Zeit gekommen, es mit seiner Kunst in Europa zu versuchen. Jeder große Künstler der Gegenwart hätte seinen Durchbruch dort gehabt und er konnte fühlen, wie sein großer Durchbruch unmittelbar bevorstand. Zeit also auf dem europäischen Kunstmarkt Fuß zu fassen.
Da solltest Du vorher aber den Galeristen wechseln, mit dem T-Shirt kommt er nicht weit, dachte ich bei mir.
Im Folgenden bekam ich eine lange Unterweisung über das Wesen der Kunst im Allgmeinen und eine Einführung in das Werk von Ibrahim Alexander im Besonderen. Sebastian ließ sich für die Schlüsselsuche erstaunlich viel Zeit.

Fin de siècle 27

Erzähltechnische Spielereien kommen hier schon vor, die Anspielung auf „Das Fest“ ist allerdings keine. Keine meiner Figuren wird eine Rede halten und von Missbrauch erzählen, der Text wird auch nicht anfangen zu wackeln. Mir fiel das einach nur so ein und deshalb habe ich es meinen Erzähler denken lassen. Allerdings gebe ich zu, dass diese letzten beiden Sätze sehr wohl eine kleine Spielerei darstellen. Doch nach dieser Zäsur geht es natürlich sofort weiter, denn die beiden Freunde sind noch immer auf der Hochzeitsfeier und es dauert tatsächlich noch einige Zeit, bis sie diese werden verlassen können. Und so lade ich dazu ein, dass wir uns gemeinsam wieder zurück zur Hochzeitsgesellschaft begeben, auf die Finka im Nirgendwo einer kanarischen Insel.

Wir waren uns einig geworden. Sebastian und ich würden uns vom Hochzeitspaar verabschieden. Wir würden darum bitten, ausgelassen zu werden. Wir rechneten mit Verwunderung auf Seiten unserer Gastgeber über die Tatsache des verschlossenen Tors. Es kam uns in der Tat beiden merkrwürdig vor, gab es doch keinen Grund, warum hier ein Tor verschlossen werden musste. Es war weit und breit nichts und niemand, der hier ungebeten eindringen könnte.
Ich wollte unsere Rückkehr in unser Hotel keine Sekunde länger aufschieben und drang auf sofortige Umsetzung unseres Plans. Wir machten uns auf den Weg zurück zur Hochzeitsgesellschaft. Inzwischen schwamm nicht nur ein, sondern zwei der männlichen Gäste angekleidet dafür aber ziemlich besoffen im Pool. Eine leere Wodkaflasche schwamm mit ihnen. Andrew und Susan wurden am Ende anderen Ende des Pools gerade ausgiebig und professionell fotografiert. Der Fotograf zeigte dabei ganzen Körpereinsatz. Warf sich auf den Boden, sprang auf, gab Anweisungen und geriet ganz außer sich vor Faszination über die unterschiedlichen Posen, die Andrew und Susan einnahmen. Susan trug wieder ihre Highheels und hatte sichtlich Schwierigkeiten, länger in einer Pose auszuharren. Ihr Lächeln wirkte nach einem kurzen Moment merkwürdig starr und abwesend. Wir stellten uns an die Seite und warteten auf eine Gelegenheit uns zu verabschieden. Nach einigen Minuten wurden wir wahrgenommen, woraufhin Andrew den Fotografen bat, für einen Moment zu unterbrechen. Sebastian schilderte unser Anliegen, Andrew war in der Tat verwundert über das verschlossene Tor, entschuldigte sich beim Fotografen und machte sich gemeinsam mit Sebastian auf die Suche nach dem Schlüssel.
Susan und ich standen plötzlich allein in der Landschaft. Susan lächelte mich an. Ich lächelte zurück. Im Pool waren immer noch die beiden Gäste, genauso blau wie das sie umgebende Wasser. Sie fingen an, zu singen, eigentlich mehr zu brüllen. „Over the land of the free and the home of the brave.“ Susan lächelte noch immer. War ihr das peinlich? Wäre es meine Hochzeit gewesen und meine Gäste hätten besoffen die deutsche Nationalhymne angestimmt, mir wäre es peinlich gewesen. Bei Susan war ich mir nicht so sicher. Es roch wieder nach Pott, diesmal gemischt mit einem weiteren Duft. Die Lilien begannen ihren Geruch zu verströmen, es musste bereits später Nachmittag sein.
Am Rande des Pools standen zwei weitere Gäste. Der eine trug eine dunkle Sonnebrille, sein Gesicht zierte ein Dreitagebart und er machte weit ausholende Gesten, um dem, was er sagte, Nachdruck zu verleihen oder vielleicht auch seine Empörung auszudrücken. Der andere hörte zu. Ich sah ihm wohl einen Moment zu lange auf das T-Shirt. Er fühlte es und blickte zu mir hinüber. Die beiden hoben ihre Getränke und prosteten mir zu, tauschten etwas aus und kamen auf mich zu. Ich überlegte, einfach wegzurennen, denn ich wollte mich nicht mit jemandem unterhalten, der ein T-Shirt trug, auf dem neben einem Adler, Stars and Stripes und einem blauen Hintergrund noch die Worte „Operation Desert Storm – A multinational force for a better world“ standen.

Fin de siècle 26

Es war uns wieder möglich, sinnvoll miteinander zu sprechen, auch wenn die Verletzungen, die die eben geführte Auseinandersetzung beigebracht hatte, noch einige Zeit nachwirken würden. Für mich war in jedem Fall klar, dass nach unserer Heimkehr zunächst für einige Zeit Funkstille angesagt sein würde. Im Interesse unserer Freundschaft musste zunächst eine gewisse Zeit des Schweigens beruhigend über diese Reise hinwegstreichen, erst dann würde ich wieder in der Lage sein, Sebastians Gegenwart zu schätzen. Im Moment konnte ich sie gerade so ertragen. Wir sondierten die Lage.
Sebastian konnte sich inzwischen wieder vorstellen, auf das Beisein beim Anschneiden der Hochzeitstorte zu verzichten. Ich konnte mir inzwischen wieder vorstellen, dass wir uns noch offiziell beim Hochzeitspaar verabschieden. Wir mussten ohnehin jemanden finden, der uns das Tor aufschloss. Warum war das überhaupt verschlossen? Da gab es diesen Film von Lars von Trier, wie hieß der noch? Da ging es um eine eingeschlossene Festgesellschaft. Wurde dann ziemlich schrecklich… Ach was! Das Schlimmste lag hinter uns. Jetzt noch tschüss sagen, Schlüssel holen und dann nichts wie weg. „Das Fest“. Stimmt, so hieß der Film.

Fin de siècle 25

In der nachfolgenden, intensiv geführten Auseinandersetzung ging es um die Begriffe „Marketing“ und „Bedürfnisse des Marktes“ einerseits und „sich öffentlich zum Deppen machen“ andererseits, ohne dass ein Konsens erzielt werden konnte. Ganz unabhängig von der Frage, ob es notwendig sein könne, sich aus Gründen des Broterwerbs für die Restlaufzeit des Internets dort in zweifelhafter Weise zu präsentieren, kamen wir in der eigentlich zugrunde liegenden Problematik, wie in Bezug auf Sam und unsere Anwesenheit hier weiter zu verfahren sei, keinen Schritt weiter. Meine aufgestauten Gefühle hatte sich inzwischen zur blanken Aggression ausgewachsen. Die wurde in diesem Moment von Sebastian noch befeuert, denn er hatte es sich inzwischen anders überlegt und meinte, aus Gründen der Höflichkeit und des Respekts gegenüber dem Brautpaar wäre es unmöglich, vor dem Anschneiden der Hochzeitstorte die Party zu verlassen. Dies war allerdings ganz gegen meine Interessen, denn ich wollte diesem Ort nicht nur möglichst schnell den Rücken kehren, sondern nach Möglichkeit die eben erlebten Stunden umgehend vergessen. Ich hatte jedoch den Eindruck, gerade dieser offen ausgesprochene Wunsch würde bei Sebastian dazu führen, unzählige Gründe dafür zu finden, warum wir noch zu bleiben hätten. Dieser Irrationalismus hatte einerseits etwas von kindlichem Verhalten, anderseits auch ein sadistisches Moment, denn es ging offensichtlich darum, mich zu bestrafen, mich zu etwas zu zwingen, das ich partout nicht wollte. Es ging in irgendeiner Weise um Macht. Irrationalismus hat etwas Ansteckendes. Sollte mich Sebastian dazu nötigen, hier tatsächlich noch länger zu bleiben, würde ich ihm im Gegenzug einen ganz neuen Zugang zum Begriff „peinlich“ eröffnen. Wie er ja schon festgestellt hat, waren es ja seine Freunde. Mich kannte hier niemand. Es war diese Drohung, die bei Sebastian zu einer Änderung zumindest im mir gegenüber angeschlagenen Ton führte. Die nächsten Sätze klangen schon etwas versöhnlicher und unsere Gemüter kühlten sich etwas ab.

Fin de siècle 24

Die Ausfahrt war mit einem gusseisernen Tor verschlossen. Sebastian holte mich ein. Was das soll, wollte er wissen. Ich sagte ihm, ich hätte genug, die Party wäre für mich zu Ende. Wir wollten ohnehin schon längst gegangen sein.
Ich solle mich jetzt zusammenreißen und mein peinliches Verhalten einstellen, meinte Sebastian.
„Mein was?!“
„Das mit Sam eben, das war doch absolut peinlich! Die kennen mich hier doch alle!“
„Dass Sam mich attackiert hat und total besoffen ist, ist natürlich nicht peinlich. Dass Kate die Benzodiazepine fast schon aus den Augen quellen, ist natürlich auch nicht peinlich. Dass Andrew sich hier Heroin reinzieht, das ist auch völlig normal und weit jenseits von peinlich. Und wenn Susan auf dem Weg zum Traualtar wegen ihrer Schuhe fast auf die Fresse fällt, ist das überhaupt gar nicht peinlich. Aber dass ich mich gegen eine blöde Anmache wehre, ist natürlich so peinlich, dass du hier gleich vor Scham im Boden versinkst.“
„Du hättest das einfach etwas netter sagen können, weniger provokativ, höflicher.“
„Ich glaube, ich habe was am Ohr! Wenn ich mich recht entsinne, ist das erste, was man sieht, wenn man deinen Namen googelt, ein Bild, auf dem du mit einer dicken Zigarre im grinsenden Mund, ganz in Gold gekleidet, mit der Aufschrift ‚Cocaine‘ auf deinem güldenen Hemd an den Silikontitten eines extrem leicht aber auch gülden bekleideten Popsternchens lehnst und dir mit Dollarnoten Luft zufächerst. Und das zweite ist, wie Du aus dem Fond eines offenen Wagens in Begleitung von zwei weiteren Wundern der plastischen Chirurgie und zwei von Steroiden aufgepumpten Muskelheinis Dollarnoten in eine Menge angeblicher Fans wirfst. Und die Person, die auf diesen Bildern zu sehen ist, gibt mir hier gerade Unterricht in Stil und Etikette und erzählt mir, ich sei peinlich? Das ist ein Witz, oder?“

Fin de siècle 23

Allen Ernstes versuchte mir Sebastian einen Maulkorb zu verpassen. Was ich mir dabei denken würde, so etwas zu sagen? Einem Pfarrer zu sagen, es gebe keinen Gott.
Sebastian hatte offensichtlich erneut jedes Maß dafür verloren, was adäquat war.
„jetzt legt Du fest, wann ich was zu wem sagen darf?“ Ich war absolut empört über Sebastians Verhalten. Er hatte mich auf diese miese Immitation einer Hochzeit im Nirgendwo geschleppt, ich fühlte mich nicht nur unwohl und fremd, sondern war kurz davor vor lauter hinuntergeschluckter und unverdauter Gefühlte ins nächste Gebüsch zu kotzen. Jetzt sollte ich auch noch zu einer Verbalattacke eines besoffenen Pfaffen ein nettes Gesicht machen. Das war weit mehr, als ich vertragen konnte.
„Ich wollte, Du würdest etwas mehr darauf achten, was du sagst!“ Sebastian setze noch einen drauf.
„Ich glaube, du hast sie nicht mehr alle!“
Ich drehte mich um, und lief in Richtung Ausfahrt. Ich brauchte dringend Luft. Und einen Gegenstand, den ich werfen konnte, wovon allerdings niemand Zeuge werden sollte. Im angrenzenden Wald würde mein Bedürfnis nach Aggressionsabbau sicherlich Erfüllung finden.
„Wo rennst Du hin?“ rief Sebastian mir nach.
Ich dachte etwas sehr Unhöfliches.

Fin de siècle 21

Es trat eine Pause ein. Sam sah mich an. Er wartete offensichtlich auf eine Reaktion. Eine Entschuldigung vielleicht oder einen brüsken Wutausbruch eventuell. Ich konnte weder mit dem einen noch mit dem anderen dienen, denn ich wusste noch gar nicht, um was es hier ging. Religiöse Verfolgung? In Deutschland? Die einzigen religiösen Dauerbrenner, denen ich mich spontan entsinnen konnte, waren die Fragen, wann und aus welchem Grund ein Kruzifix wo im öffentlichen Raum angebracht werden durfte und ob religiös motivierte Sackkleidung das deutsche Straßenbild eher verunziert oder bereichert. Hilfesuchend blickte ich zu Sebastian.
Sich an Sam wendend meinte er: „Das mit Scientology ist in Deutschland kommt in den deutschen Nachrichten nicht vor.““Um so schlimmer“, meinte dieser und forderte mich auf, mich hier und jetzt zur Glaubensfreiheit zu bekennen. „Denn wer nicht für uns ist, ist gegen uns und unser Feind.“ Er vergaß das Wort „Prost“ hinzuzusetzten, denn nun war wieder ein kräftiger Schluck fällig.
Ich war verunsichert und suchte nach einem Weg, mich der Situation elegant zu entwinden. Ich hielte es hier mit Voltaire, meinte ich versuchsweise. Da der Pastor Voltaire nicht kannte, wagte ich einen Griff in meine Zitatenschatztruhe: „’Ich werde Ihre Meinung bis an mein Lebensende bekämpfen, aber ich werde mich mit allen Kräften dafür einsetzen, dass Sie sie haben und aussprechen dürfen.’“
Sams Gesichtfarbe glitt ins Rötliche hinüber. Wie ich Glaubensgewissheiten, die individuelle Erfahrung der Erweckung mit bloßer Meinung gleichsetzen könne, wollte er wissen. Ich holte Luft, um es zu erklären, kam aber nicht weit. Sams Stimme wurde deutlich lauter. Im Hintergrund sah ich Sebastian, der Gesten der Beruhigung machte. Ich wollte nicht streiten, doch die Situation drohte mir zu entgleiten.

Fin de siècle 20

Wir wurden genötigt, auf einer Bank Platz zu nehmen. Sam habe viel über Deutschland und die Deutschen gehört, ließ er mich wissen. Vieles sei sehr interessant, einiges aber beunruhigend. Ich warf einen Blick hinüber zu Sebastian in der Hoffnung, von dort Aufklärung zu erhalten. Der zuckte lediglich mit den Schultern. Wir wussten beide nicht, in welche Richtung ich betextet werden sollte.
Die Freheit des Glaubens, die Religionsfreiheit sei ein hohes Gut, das man nicht so einfach preisgeben dürfe, fuhr Sam fort, der gestisch ein Ausrufezeichen setzte, indem er einen kräftigen Schluck Wein zu sich nahm. Ich hatte noch immer keine Ahnung, was Sams Anliegen sein könnte, weshalb ich mit einem weiteren Blick bei Sebastian um Rat nachsuchte. Der hatte in diesem Moment die Augen weit aufgerissen. Er schien eine Idee zu haben, in welche Richtung sich unserere Unterhaltung entwickeln könnte, was ihn allerdings nicht gerade zu beruhigen schien.
Vom Wein beflügelt hatte sich Pastor Sam entschlossen, etwas weiter auszuholen. Er fing bei den Nazis an, um in sein Thema einzuführen. Die Nazis hätten ja unglaubliches Leid über Deutschland und die Welt gebracht, weil sie Andersgläubige, die Juden vor allem, verfolgt und ermordet hätten.
Ich runzelte die Stirn, denn dieser Satz verrrückte Geschichte in einer merkwürdigen Weise. Ich wollte einwenden, bei der Judenverfolgung sei es weniger um Religion als vielmehr um eine verschrobene Idee der Rasse gegangen, und das auch nur auf den ersten Blick. Worum es eigentlich gegangen sei, sei völlig unergründlich, was ja gerade den Schrecken … Zu etwas in dieser Richtung wollte ich anheben, durfte dies allerdings nicht einmal Ansatzweise ausführen, denn Sam sprach weiter auf mich ein.
Er hätte sehr wohl mein Strinrunzeln bemerkt, meinte Sam, man müsse sich aber seiner Geschichte stellen. Und zu meiner gehörten nun mal diese unfasslichen Untaten gegenüber der Religion. Ich versuchte, meine Stirnesfalte im Zaum zu halten, war mir aber nicht sicher, ob es mir gelang. Wenn er also heute höre, in Deutschland würden wieder Glaubensgemeinschaften staatlich überwacht und verboten, es würden Alternative Sichtweisen nicht zugelassen und aus den Schulbüchern verbannt, es würden Menschen gezwungen, ihren Glauben aufzugeben und Demonstrationen gegen den Staat Israel zugelassen, dann würde ihn diese Wiederholung der Geschichte zutiefst besorgen.
Ich hatte keine Ahnung, wovon dieser Mann sprach. Sebastian anscheinend um so mehr. Er biss sich auf die Unterlippe und seine ganze Körperhaltung sagte so etwas ähnliches wie „Au weia“.
Sam nahm einen Schluck Wein.

Fin de siècle 19

Wir hatten beschlossen, uns zu verabschieden. Je früher wir diese Hochzeitsfeier verließen, desto besser, denn es fing an, uns beide herunterzuziehen. Mich, weil mich die hier herrschende Mischung aus Gottesfurcht, Nationalismus und Drogenkonsum mehr als nur irritierte. Sebastian, weil sich bei ihm ein Riss auftat zwischen einem vertrauten Gefühl, das ihm fast so etwas wie Heimat war, und er gleichzeitig einen großen Widerstand spürte, dieser Sehnsucht nachzugeben.
Kate war die erste, der wir die Hand zum Abschied reichen wollten, denn wir liefen ihr gleichsam vor die Brust. „Ihr könnt unmöglich schon gehen“, war ihre Antwort. Statt Sebastians Hand zu nehmen, hakte sie uns links und rechts unter, versorgte uns mit reichlich Text im Tenor, wie unmöglich es für sie wäre, uns jetzt ziehen zu lassen, wo alles sich so harmonisch füge. Außerdem hätte sie uns ja noch gar nicht allen vorgestellt, was sie umgehend nachzuholen wünschte. Vor allem ihren Bruder, wo war er nur, wollte sie uns nicht vorenthalten. Ein ganz herausragender Mensch sei er, mit dem wir ganz sicher sofort Freundschaft schließen würden. Sie steuerte auf eine dunkel gekleidete Person zu. Mit jedem Schritt wurde ich mir sicher und immer sicherer, dass ich dieser Person unter keinen Umständen vorgestellt werden wollte. Es ließ sich dennoch nicht vermeiden.
„Sam,  schau mal, wen wir hier haben!“
„Uhhhh…. The Germans! I am scared!“ Sam setzte zu einem breiten Grinsen an, umarmte mich, wobei er mir auf die Schultern klopfte, und ich war mir sicher, dass ich eben dem dümmsten Menschen im ganzen Universum vorgestellt worden war.